Radtraining mit Watt: Ein Interview

Alex: „Das gilt auch für den Wettkampf?“

Basti: „Beim Ostseeman hatte ich nur ein Datenblatt mit fünf Werten untereinander weg: aktuelle Leistung, den Schnitt über 3, 10 und 30 Sekunden und den Gesamt-Durchschnitt. Im Wettkampf ist es wichtig die Spitzen zu vermeiden, die der Puls nicht anzeigt. In der Ebene funktioniert das mit dem Puls gut, wenn ich aber in den Berg reinfahre, trete ich sofort einen höheren Widerstand. Die meisten Athleten haben eine Charakteristik im Training entwickelt, das Tempo halten zu wollen. Der Puls zeigt diese Überbelastung aber erst später an und viele Athleten können dann schon nicht mehr auf die Belastung reagieren. Mit der Leistungsmessung ist die Charakteristik eine ganz Andere: sobald sich die Bedingungen ändern, passe ich meine Leistung an; die Geschwindigkeit ist dann nur das Ergebnis. Sobald die Widerstände dann geringer werden weil z.B. Rückenwind oder eine Abfahrt einsetzt, drücke ich wieder mehr nach um in meinem Leistungsbereich zu bleiben. Um das Bild zu vervollständigen: Der pulsgesteuerte Radfahrer fährt den Berg hart herauf, legt oben auf der Kuppe die Beine hoch und rollt locker herunter. Die haben dann vielleicht die gleiche Durchschnittsleistung erbracht, aber die Spitzen im anaeroben Bereich, die unglaublich viele Kohlenhydrate verbrauchen, waren bei dem Athleten mit Pulssteuerung wesentlich höher. Diese Körner fehlen dann am Ende.“

Alex: „Diese Erfahrung habe ich ganz extrem bei meiner Mitteldistanz im Kraichgau gemacht. Dort hat die Radstrecke knapp 1000 Höhenmeter und ist mit vielen kleinen Anstiegen gespickt (siehe Bild). Ich bin streng nach den Wattwerten gefahren, die ich mir vorgenommen habe, auch wenn ich die Anstiege innerlich gerne härter gefahren wäre. Das Ergebnis war, dass ich zwar bei jedem Anstieg Zeit auf die Athleten um mich herum verloren, auf den Abfahrten, wo ich die gleiche Kraft auf das Pedal gebracht habe, jedoch einiges mehr an Zeit gewonnen habe. Außerdem konnte ich durch diese gleichmäßige Fahrweise die gesamte Strecke ohne einen Einbruch bewältigen. Mein Durchschnittswert der ersten Hälfte war sogar 2 Watt geringer als auf den letzten 45km. Von den Fahrern, die an jedem Hügel auf den ersten 60km an mir vorbeigefahren sind, habe ich irgendwann nichts mehr gesehen, weil denen die Belastungsspitzen zu viel wurden und nach hinten abgefallen sind.“

Der Verlauf der Wattwerte (Lila) zeigt eine gleichmäßige Verteilung um den Mittelwert ohne Belastungsspitzen

Anmerkung: diese Einstellung hat Sebastian Rosenkranz übrigens nicht nur bzgl. Rennen auf der Langdistanz.

Basti: „Auch auf kürzeren Distanzen ist die Leistungsmessung bei der Einstellung alles geben zu wollen ein wertvolles Mittel um sich das Rennen richtig einzuteilen.“

… Körpergefühl und Techniktraining:

Alex: „Kritiker sagen, dass durch die Nutzung technischer Hilfsmittel das Körpergefühl verloren geht. Ich würde diese Aussage umdrehen und behaupten, dass das Körpergefühl sogar extrem profitiert. Als ich meine Garmin Vector bekommen habe und zum ersten Mal Anstiege gefahren bin, habe ich erst gemerkt, dass die Werte jenseits von gut und böse waren. Gerade in den frühen Monaten im Jahr kann ein zu intensives Fahren dann schnell zu einem Übertraining führen. Mittlerweile kann ich - auch durch das ständige technische Feedback - meine tatsächliche Leistung ziemlich genau einschätzen falls das System mal ausfällt. Mein Körpergefühl hat also extrem profitiert.“

Basti: „Das ging mir damals wie den meisten Athleten auch so. Ein Problem ist ja auch, dass wir unser Training viel mit unserem Ego steuern. Der Leistungsvergleich spielt für viele Athleten im Training eine Rolle. Der Vergleich mit sich selber oder den Trainingskollegen und von daher sind wir selten in der Lage unsere Leistung nüchtern zu betrachten. Von daher ist die Nutzung eines Leistungsmesser in gewisser Weise ein Aha-Erlebnis, weil uns vor Augen geführt wird, was wir gerade tun und uns als Sportler kompetenter macht.“

Alex: „Ich finde übrigens auch, dass ein Wattmesssystem ein gutes Hilfsmittel für Techniktraining darstellt. Mir wurde mal gesagt, dass meine Ferse in Teilen der Pedalumdrehung sehr hoch ist und meine Kraftübertragung darunter leidet. Seitdem achte ich häufig auf diesen technischen Aspekt und bekomme direktes Feedback meines Garmins, das sofort höhere Werte bei gefühlt gleicher Anstrengung anzeigt. So nutze ich das System häufig um meine Effizienz im Auge zu behalten.“

Basti: „Es ist auf jeden Fall ein gutes motorisches Training. Unter kontrollierten Bedingungen z.B. auf der Rolle könnte man die drei Parameter Watt, Puls und empfundene Anstrengung gegenüber stellen und beobachten, wie sich der Output bei einer veränderten Technik darstellt. Das geht aber nur zusammen mit der Leistungsangabe als kontrollierenden und zuverlässigen Parameter.“

Alex: „Wie lautet denn die Alternative für Sportler, die sich ein System nicht leisten können oder wollen?“

Basti: „Man könnte z.B. unter kontrollierten Bedingungen auf einem Wattbike seine Pulsbereiche nachfahren und die empfundene Anstrengung innerlich abspeichern. Das fällt wieder unter den Bereich Kompetenzentwicklung. So kann zumindest das Körpergefühl verbessert und auf das Training angepasst werden.“

… einseitige vs. beidseitige Leistungsmessung:

Anmerkung: Viele Hersteller bieten unterschiedliche Systeme an, die die aktuelle Leistung beider Beine getrennt voneinander betrachten und eine ausführliche Analyse über Tritteffizienz und Asymmetrien erlauben. Die „abgespeckten“ Varianten messen die Leistung nur auf einer Seite und rechnen diese Werte ausgehend einer gleichen Kräfteverteilung hoch. Diese Varianten sind kostengünstiger und können in vielen Fällen zu einem späteren Zeitpunkt aufgerüstet werden.

Alex: „Einseitig oder beidseitig. Komplexität vs. Preis. Wie stehst du zu diesem Thema und für wen macht die beidseitige Variante Sinn?“

Basti: „Grundsätzlich macht eine beidseitige Messung und die Nutzung eines größeren Datensatzes nur dann Sinn, wenn der Sportler mit diesen Zahlen arbeiten kann und möchte. Ich finde es wichtig, dass überhaupt eine Leistungsmessung erfolgt. Erst wenn man feststellt, dass z.B. eine Asymmetrie vorliegt, könnte man als I-Tüpfelchen das System aufrüsten. Der große Leistungssprung passiert aber nicht von einseitig zu beidseitig, sondern von reiner Pulssteuerung zur Leistungsmessung per Wattmess-System.“

Alex: „So war auch meine Überlegung damals. Ich habe auf einem Wattbike festgestellt, dass meine Kraftverteilung vom rechten und linken Bein genau gleich ist und ich mich nicht nach jeder Trainingseinheit hinsetzen würde um meine Daten zur Tritteffizienz etc. auszuwerten. Damit hat mir das einseitige System komplett ausgereicht.“

… ein kurzes Fazit:

Alex: Bewusst provokativ gefragt; siehst du Wattmess-Systeme als teuren Hype oder sinnvolle Unterstützung für Trainer, Leistungsdiagnostiker und Athleten aller Leitungsniveaus?

Basti: Absolut Letzteres. Das hat gar nichts mit Hype zu tun, sondern ist ein Quantensprung im Radsport wie damals die Klickpedale. Darüber muss man auch nicht diskutieren, weil es eine technische Relevanz hat und das Training besser macht, wenn es gesteuert wird!

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